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Ilka Scholz

Von Bäumen und Büchern

Streifzüge

Auf dem Weg zum Supermarkt in Obermenzing komme ich an Ein- und Mehrfamilienhäusern vorbei, in deren überschaubar großen Gärten zum Teil riesige Bäume stehen. Die Kolosse sind deutlich älter als die Häuser. Im Sommer ist das eine schöne Sache: viel Schatten, gute Luft, im Herbst folgt dann die Arbeit. Ich komme an einem Grundstück vorbei, auf dem eine hohe alte Buche steht, die sich mit Laubabwerfen noch zurückhält, aber ordentlich Bucheckern abwirft. Dass nur alte Buchen Früchte bilden und das nicht jedes Jahr, wusste ich, aber dass wir 2026 ein »Bucheckern-Superjahr« erleben, erfahre ich später von einem Nachbarn, der sich mit Bäumen auskennt. Jedenfalls laufe ich an dem Grundstück entlang und knacke lauter Hülsen und zertrete ungewollt Früchte. Die könnten hier mal fegen, denke ich, bevor ich zum nächsten Haus komme, wo eine ältere Dame gerade anfängt, ihren Gehwegabschnitt zu kehren, obwohl es wenig zu kehren gibt: Die ersten reichlich früh abgefallenen Nadeln ihrer hohen Lärche liegen wie ein zarter, goldgelber Teppich auf dem Gehweg und stören dort überhaupt nicht. Anstatt einfach weiterzugehen, sage ich »Grüß Gott« und lobe die Arbeit der etwa Achtzigjährigen mit einem Blick zurück zu den unzähligen zertretenen Nüssen.

Weiter komme ich nicht so bald. Von Bäumen und Bucheckern kommen wir irgendwann zu Büchern. Wie mir die aus Hamburg stammende Obermenzingerin verrät, ist sie gelernte Buchhändlerin und hat später, im Rentenalter, Vorlesungen an der Uni in München besucht. Als sie den Namen Frühwald erwähnt, bin ich kurz sprachlos. Professor Frühwald war der meistgeschätzte Germanist während meines Studiums, keine seiner Vorlesungen habe ich versäumt und bei ihm meine Magisterarbeit geschrieben.

Mehrmals kündige ich an, ich müsse jetzt weitergehen, das lange Stehen bekomme mir nicht so gut. Die sympathische Frau will ihr Auto aus der Garage holen und mich zum Supermarkt fahren, ich lehne dankend ab. Bewegung muss sein.