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Warum ich keine Gärtnerin wurde

In fünfzig kurzen Geschichten schaut eine über siebzig Jahre alte Icherzählerin auf ein bewegtes Leben zurück: das frühe erste Kind, eine Ehe mit ungleich verteilten Rollen, und das lange anhaltende Gefühl, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Auf der einen Seite ist da ihr Elternhaus im Ruhrgebiet, wo sie als Bergmannstochter aufgewachsen ist und das immer eine Rolle in ihrem Leben spielen wird, auf der anderen Seite stehen die Eltern ihres Mannes, beide Akademiker, die sie am Anfang deutlich spüren lassen, dass sie unerwünscht ist. Die Leichtigkeit, mit der die Icherzählerin als Achtzehnjährige von zu Hause aufgebrochen ist, geht verloren.

An ihrem Plan, das Abitur nachzumachen und zu studieren, hält sie fest. Dass es ein weiter Weg wird, kann sie nur ahnen. Von Widerständen aufhalten lässt sie sich nicht.

Leseprobe

Wer ist der Vater?

Bei der letzten Ultraschalluntersuchung im August sagte der Arzt: »Bitte nichts mehr unternehmen, bald ist es soweit!«

Als am Ende der ersten Septemberwoche die Wehen stärker wurden, brachte Martin uns mit seinem alten 2CV in die Frauenklinik in der Lindwurmstraße. Hans und ich besaßen damals weder Auto noch Führerschein.

Zu Dritt kamen wir am späten Abend auf die Station. Die Schwester sah uns drei streng an und wollte wissen: »Wer ist der Vater?« Ihr Ton war etwas scharf. Der dunkle Langhaarige durfte mitkommen, der blonde Langhaarige musste im Gang warten. Nach kurzer Untersuchung stellte sich heraus, dass es noch eine Zeit dauern würde. Die Wehen kamen auch wieder langsamer, ich sollte aber vorsichtshalber im Krankenhaus bleiben.

Dem werdenden Vater empfahl die Hebamme, wieder nach Hause zu fahren, was dieser auch gerne tat. Hans war nervös und hatte mich mit seiner Nervosität schon angesteckt. Ich war froh, als er sich verabschiedete und mit Martin das Krankenhaus verließ.

Die restliche Nacht und der nächste Morgen verliefen ruhig, aus Sicht der Hebamme zu ruhig. Sie verordnete mir Bewegung.

In der folgenden Nacht, kurz vor Mitternacht, war es dann tatsächlich soweit. Unmittelbar vor der Geburt, nach zahllosen Wehen, bekam ich ohne Erklärung eine Äthermaske übergestülpt und verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, war ich Mutter eines gesunden, dreieinhalb Kilogramm schweren Jungen. Weder sein Auf-die-Welt-kommen noch seinen ersten Schrei hatte ich miterlebt.

Erst langsam fiel mir wieder ein, wie die letzten Stunden vor der Geburt vergangen waren. In den Kreißsälen hatte Hochbetrieb geherrscht. Ich hörte laute Schreie. Die Hebamme kam nur selten und immer nur kurz, viel zu kurz. Einmal kniff ich sie in den Arm, als eine starke Wehe anrollte; wahrscheinlich ein Reflex und der unglückliche Versuch, sie länger in meiner Nähe zu halten. Sie war wütend und kam danach noch seltener, bis es endlich soweit war.

Ich sah meinen Sohn erst, als er längst untersucht, versorgt und »eingekleidet« war.

Wie viel Zeit inzwischen vergangen war, wusste ich nicht. An freundliche Worte erinnere ich mich auch nicht.

Von alldem erfuhr Hans nichts. Als er in der Früh auf der Station anrief und fragte, wie es mir gehe, sagte man ihm nur, er solle in die Klinik kommen. Als er kam und hörte, dass alles gut gelaufen sei, war er erleichtert. Für ihn hatte es so geklungen, als ob etwas passiert wäre.

Wir dachten wohl beide an die letzte Ultraschalluntersuchung im August: Da standen plötzlich mehrere Ärzte um das neuartige Gerät und schauten lange auf das Bild. Bis ein Arzt mich schließlich fragte, ob in meiner Familie oder der meines Mannes Fälle von Wasserkopf aufgetreten seien.

Details

  • Titel: Warum ich keine Gärtnerin wurde 
  • ISBN:  978-3745512267
  • Erscheinungsjahr: 2026
  • Seiten: 150
  • Verlag: Athena (Link)

Warum ich keine Skifahrerin wurde

Zum Inhalt

Dieser Erzählband, erschienen 2025 im Athena Verlag, schließt unmittelbar an den ersten Teil an.

Die Geschichten handeln von einem jungen Mädchen, das Anfang der 1970er Jahre sein Elternhaus im Ruhrgebiet verlässt, um als Arzthelferin in einer Klinik im Allgäu zu arbeiten.

Die Geschichten erzählen teils humorvoll, teils ernst vom langsamen Erwachsenwerden in einer völlig fremden Umgebung, in der die Icherzählerin sehr unterschiedlichen Menschen begegnet: skurrilen und anrührenden, aber auch inspirierenden und wegweisenden.

Leseprobe

Neue weiße Welt

Als ich Anfang Januar mit dem Zug in Oberstaufen ankam, war es schon dunkel. Fast zehn Stunden Bahnfahrt lagen hinter mir. Ich griff nach meinem kleinen Lederkoffer, verließ den Bahnhof und nahm mir, zum ersten Mal in meinem Leben und fast selbstverständlich, ein Taxi. »Bitte zur Schlossbergklinik«, sagte ich. Der Taxifahrer drehte sich kurz zu mir um und nickte. Was mochte ihm durch den Kopf gehen? »Eine neue Patientin? Am Samstag? Das wäre ganz was Neues!« Ich konnte nur eine neue Angestellte sein. 

Er fuhr los, und ich kam aus dem Staunen nicht heraus; Oberstaufen schien zu leuchten. Wie konnte es so dunkel und gleichzeitig so hell sein? Alle Flächen waren weiß, überall sauberer, angehäufter Schnee und an der Straße zur Klinik rechts und links meterhoch zusammengeschobene Schneemassen mit schmalen Durchgängen zu den Haustüren. Während der kurzen Autofahrt fiel mir meine kleine Welt ein, die ich in der Früh verlassen hatte: die rußgeschwärzte Bergarbeitersiedlung in Oberhausen Anfang Januar 1970. 

Ich wusste wirklich nicht, was mich erwartete. Der Begriff Krebsklinik war noch abstrakt und hatte mich nicht davon abgehalten, die angebotene Arzthelferinnen-Stelle anzunehmen.

Zwei Tage vor Arbeitsbeginn war ich einfach losgefahren, mit sehr wenig Gepäck.

Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass sie mir die rest- lichen Sachen nachschicken sollten, wenn ich in Oberstaufen bliebe. Sie zweifelten stark daran und glaubten, dass mich das Heimweh schnell zurückbringen würde. 

Das Taxi fuhr an den Parkplätzen vorbei und hielt direkt vor dem Haupteingang der Klinik, wo ich schon erwartet wurde. Im Eingangsbereich begrüßte mich etwas kühl die Oberschwester und führte mich zu meinem Zimmer im dritten Stock. Mir blieb gerade genug Zeit, mich kurz umzuschauen und einen Blick in den hell erleuchteten Speisesaal zu werfen, bevor ich mit ihr zum Aufzug ging. Die pompöse Ausstattung des Foyers fiel mir erst später auf.

In meinem Zimmer sah ich bodentiefe Fenster, einen Balkon, und ein eigenes Bad: lauter Dinge, die für mich neu waren. Einen kleinen Schreibtisch, den ich hier hatte, gab es zu Hause auch.

Ohne nachzudenken, wusch ich mir als erstes gründlich die Hände. Das erinnerte mich plötzlich an Oberhausen, besser gesagt, an meinen Vater. Wie oft hatte er mir eingeschärft, an Keime zu denken und mich davor zu schützen. Das funktionierte auch weit weg von zu Hause.

Ich war noch nicht fertig mit dem Auspacken meiner wenigen Sachen, da klopfte es an der Zimmertür. Ohne besonders überrascht zu sein, öffnete ich. Ein sympathisch aussehender junger Mann stand da, begrüßte mich freundlich und stellte sich vor: »Ich bin Dieter Lang, der Physiotherapeut hier in der Klinik.« Er habe mich vorher mit meinem kleinen Koffer am Empfang gesehen und sich gedacht, es wäre doch schön für mich, gleich am ersten Tag ein paar Leute kennenzulernen. 

Dann fragte er, ob ich Lust hätte, mitzukommen. Er und ein paar andere wollten in den Ort gehen, um zusammen etwas zu trinken.

Ich kann nicht behaupten, dass ich Bedenken gehabt hätte. Ich freute mich einfach, dass ich den ersten Abend in völlig fremder Umgebung nicht allein verbringen würde.

Mit dem Physiotherapeuten und drei oder vier anderen An- gestellten der Klinik ging ich den gleichen Weg zurück, den ich erst vor einer Stunde mit dem Taxi hochgefahren war. Mit dabei war Selma, Arzthelferin wie ich und etwa in meinem Alter, also 18 oder 19 Jahre. Sie war einen Monat vor mir an- gekommen. Wir mochten uns beide auf Anhieb.

Bei Tante Gretl, Wirtin und Namensgeberin eines kleinen Weinlokals in Nähe des Bahnhofs, kehrten wir ein. Als sie an unseren Tisch kam, um jeden einzeln zu begrüßen, spürte ich ihren freundlich-interessierten Blick auf mir. Als ob sie etwas erkunden wollte. 

Im Laufe meines Oberstaufen-Jahres war ich öfter bei Tante Gretl und immer fühlte ich mich wohl in ihrem Lokal.

Tante Gretl war eine stattliche, etwa 60-jährige Frau. Ich sah sie ausnahmslos im dunklen Dirndl mit Spitzenbesatz und das vermutlich sehr lange, noch dunkle Haar geflochten und um den Kopf festgesteckt. Das erinnerte mich an meine Großmutter, die ihr langes Haar ähnlich trug.

Das Weinlokal am Bahnübergang war nicht nur für mich wie ein gemütliches Wohnzimmer, das wir oben in der Klinik nicht hatten und manchmal vermissten.

Auf dem Rückweg zur Klinik duzten wir uns alle schon. Wie ich in den nächsten Tagen feststellen konnte, war das Du der Normalfall, wenn man sich mochte; Beruf oder Alter spielten keine Rolle. Von Selma wusste ich inzwischen, dass sie von der Ostsee ins Allgäu gekommen war, ein richtiges Nordlicht also.

Was ich nicht wissen konnte, aber irgendwie ahnte, war die Vorstellung, dass ich zusammen mit ihr Pferde stehlen könnte. 

Details

  • Titel: Warum ich keine Skifahrerin wurde 
  • ISBN:  978-3-7455-1199-4
  • Erscheinungsjahr: 2025
  • Seiten: 128
  • Verlag: Athena (Link)

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Warum ich keine Stewardess wurde

Zum Inhalt

Es geht um eine Kindheit in einer Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet, genauer gesagt, in Oberhausen, eine Kindheit mit kleineren und größeren Dramen; um Eltern, die ihr Bestes geben und Vieles nicht perfekt machen, um den starken Willen eines jungen Mädchens, das sich früh aus den Fesseln seiner abgeschotteten, kleinen Welt befreit.

Wie ein Mosaik setzen sich die nicht chronologisch angeordneten Geschichten zu einem Gesamtbild zusammen; manche davon sind komisch, manche auch traurig.

Leseprobe

Mein Vater, die Beatles und ich

Im Wohnzimmer meiner Eltern stand ein sogenannter »Musikschrank«, ein sideboardartiges Möbelstück mit integriertem Radio und darunter, staubgeschützt hinter Schiebetüren, Plattenspieler und Plattenständer.

Zu den Schlagerlieblingen meines Vaters gehörten vor allem Lolita und Freddy Quinn. Dazu musste er keine Platten auflegen; ihre Schlager, in denen sich alles um Liebesweh, Fernweh und Heimweh drehte, waren oft genug im Radio zu hören. Sie weckten Gefühle, die im Widerspruch zu seinem realen Leben standen. Mein Vater war sesshafter als jeder andere Mensch um uns herum; selbst meine Oma war unternehmungslustiger, als sie nach der Grenzschließung 1961 beschloss, jedes Jahr ihre jüngste Tochter in der DDR zu besuchen.

Der Musikschrank wurde irgendwann durch ein anderes Möbelstück ersetzt und wanderte ins Kinderzimmer. Als Ersatz, um Schlager zu hören, genügte ein Radiorecorder, der in der Küche stand und nicht viel Platz beanspruchte.

Alle tonerzeugenden Geräte wurden übrigens vom Vater bedient, beziehungsweise einmalig eingestellt. Diese Einstellungen blieben unverändert. Im Prinzip gab es nur die Einstellungen »Ein« und »Aus«. Um Ärger zu vermeiden, hielten wir uns weitgehend daran. Die Oberhoheit über Radio und Plattenspieler im Kinderzimmer war allerdings wortlos auf mich übergegangen. Eine Zeit lang drehte ich wie wild am Radio herum und suchte Stationen, die uns früher fremd waren: zum Beispiel Radio Luxemburg. Die Frequenzen präzise einzustellen, war nicht leicht und die Hörqualität bescheiden.

Was den Musikgeschmack betraf, gab es zu Hause keine Überraschungen. Auf Lolita und Freddy Quinn folgten Wencke Myhre, Gitte, Rex Gildo. Von Bob Dylan, Joan Baez oder Leonard Cohen erfuhr ich erst, als ich zu Hause ausgezogen war.

Aber bevor es soweit war, rollten die Stones und die Beatles ins Haus.

Als ein Konzertausschnitt der »Pilzköpfe« im Fernsehen übertragen werden sollte, sitze ich allein im Wohnzimmer und warte gespannt auf die berühmten Vier. Plötzlich erscheint mein Vater und setzt sich mir gegenüber in einen Sessel. Das passt mir überhaupt nicht. Wird er den Fernseher ausstellen und einen Vortrag halten? Mir ausführlich erläutern, was er von der neumodischen Musik aus England hält, den langen Haaren der jungen Männer? Nein, tut er nicht. Er wartet, bis die Beatles auf dem Bildschirm erscheinen und die Mädchen vor der Bühne anfangen zu kreischen. Ihre Aufregung überträgt sich auf mich. Ich habe meinen Vater glatt vergessen, bis ich durch das Gekreische der Mädchen seine Stimme höre:

»Wenn du auch hysterisch wirst, stelle ich den Kasten aus.«

Eine kurze, klare Ansage, die Wirkung zeigt. Meine Aufregung ist schlagartig vorbei. Ich sitze leblos wie eine Schaufensterpuppe vor dem Bildschirm, unbeteiligt und gleichgültig.

Am Schluss saß mein Vater allein im Wohnzimmer. Ich bin in die Küche gegangen und habe meine Hausaufgaben für den nächsten Schultag gemacht.

Details

  • Titel: Warum ich keine Stewardess wurde – Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet der 1960er Jahre
  • ISBN: 978-3-7455-1167-3
  • Erscheinungsjahr: 2024
  • Seiten: 120
  • Verlag: Athena (Link)

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Meine Bilder

Worum es mir beim Fotografieren geht

  • um Farben, Flächen, Filigranes
  • um Strukturen im weitesten Sinn
  • um das scheinbar Unscheinbare in der belebten und unbelebten Natur
  • um die Schönheit von Pflanzen in sämtlichen Erscheinungsformen, auch im Stadium des Verfalls
  • um Abstraktes und Gegenständliches

Was mich reizt

  • das Unsichtbare sichtbar zu machen
  • die unterschiedlichen Farbtöne „einzufangen“, je nach Tageszeit, Lichteinfall und Wetter