Tristesse in Tallinn
Nach ein oder zwei längeren Spaziergängen durch die Tallinner Altstadt und das attraktive Jedermann-Viertel brauche ich dringend Abwechslung. Ich finde sie westlich der Anlegestellen für die Fährschiffe, die nach Finnland und Schweden fahren: Es ist Linnahall, die alte Stadthalle von Tallinn.
Schön ist das nicht, was Besucher hier zu sehen bekommen, und wer ein »normales« Gebäude mit einladendem Eingangsbereich erwartet hat, wird schwer enttäuscht. Linnahall als Ganzes ist riesig und von der Altstadt kommend nicht komplett überschaubar. Alles scheint aus Beton gebaut zu sein, die begehbaren Flächen, die Treppen, das Gebäude. Der Betonkoloss aus der sowjetischen Besatzungszeit hieß früher W.-I.-Lenin-Palast für Kultur und Sport. An Palast erinnert hier allerdings nichts. Einzige erkennbare Verzierungselemente: Graffiti an den Wänden, ansonsten bröckelnder Beton und wucherndes Unkraut.
Das Wetter passt perfekt zur Tristesse des Ortes: bedeckter grauer Himmel und kalter, böiger Wind von Osten. Die Spuren des Verfalls sind deprimierend.

Linnahall wird heute noch gelegentlich als Mehrzweckhalle genutzt, ist ansonsten für Besucher gesperrt. Wer sie von innen besichtigen will, muss an einer Führung teilnehmen. Diese werden vom Estnischen Architekturzentrum organisiert und finden unregelmäßig statt; wie es heißt, nur bei größeren Kulturveranstaltungen. Wenn ich den »Palast« von innen kennen lernen möchte, muss ich nochmal hinreisen – was durchaus denkbar ist. Tallinn hat mir sehr gefallen.