Warum ich keine Skifahrerin wurde

Zum Inhalt
Dieser Erzählband, erschienen 2025 im Athena Verlag, schließt unmittelbar an den ersten Teil an.
Die Geschichten handeln von einem jungen Mädchen, das Anfang der 1970er Jahre sein Elternhaus im Ruhrgebiet verlässt, um als Arzthelferin in einer Klinik im Allgäu zu arbeiten.
Die Geschichten erzählen teils humorvoll, teils ernst vom langsamen Erwachsenwerden in einer völlig fremden Umgebung, in der die Icherzählerin sehr unterschiedlichen Menschen begegnet: skurrilen und anrührenden, aber auch inspirierenden und wegweisenden.
Leseprobe
Neue weiße Welt
Als ich Anfang Januar mit dem Zug in Oberstaufen ankam, war es schon dunkel. Fast zehn Stunden Bahnfahrt lagen hinter mir. Ich griff nach meinem kleinen Lederkoffer, verließ den Bahnhof und nahm mir, zum ersten Mal in meinem Leben und fast selbstverständlich, ein Taxi. »Bitte zur Schlossbergklinik«, sagte ich. Der Taxifahrer drehte sich kurz zu mir um und nickte. Was mochte ihm durch den Kopf gehen? »Eine neue Patientin? Am Samstag? Das wäre ganz was Neues!« Ich konnte nur eine neue Angestellte sein.
Er fuhr los, und ich kam aus dem Staunen nicht heraus; Oberstaufen schien zu leuchten. Wie konnte es so dunkel und gleichzeitig so hell sein? Alle Flächen waren weiß, überall sauberer, angehäufter Schnee und an der Straße zur Klinik rechts und links meterhoch zusammengeschobene Schneemassen mit schmalen Durchgängen zu den Haustüren. Während der kurzen Autofahrt fiel mir meine kleine Welt ein, die ich in der Früh verlassen hatte: die rußgeschwärzte Bergarbeitersiedlung in Oberhausen Anfang Januar 1970.
Ich wusste wirklich nicht, was mich erwartete. Der Begriff Krebsklinik war noch abstrakt und hatte mich nicht davon abgehalten, die angebotene Arzthelferinnen-Stelle anzunehmen.
Zwei Tage vor Arbeitsbeginn war ich einfach losgefahren, mit sehr wenig Gepäck.
Mit meinen Eltern hatte ich vereinbart, dass sie mir die rest- lichen Sachen nachschicken sollten, wenn ich in Oberstaufen bliebe. Sie zweifelten stark daran und glaubten, dass mich das Heimweh schnell zurückbringen würde.
Das Taxi fuhr an den Parkplätzen vorbei und hielt direkt vor dem Haupteingang der Klinik, wo ich schon erwartet wurde. Im Eingangsbereich begrüßte mich etwas kühl die Oberschwester und führte mich zu meinem Zimmer im dritten Stock. Mir blieb gerade genug Zeit, mich kurz umzuschauen und einen Blick in den hell erleuchteten Speisesaal zu werfen, bevor ich mit ihr zum Aufzug ging. Die pompöse Ausstattung des Foyers fiel mir erst später auf.
In meinem Zimmer sah ich bodentiefe Fenster, einen Balkon, und ein eigenes Bad: lauter Dinge, die für mich neu waren. Einen kleinen Schreibtisch, den ich hier hatte, gab es zu Hause auch.
Ohne nachzudenken, wusch ich mir als erstes gründlich die Hände. Das erinnerte mich plötzlich an Oberhausen, besser gesagt, an meinen Vater. Wie oft hatte er mir eingeschärft, an Keime zu denken und mich davor zu schützen. Das funktionierte auch weit weg von zu Hause.
Ich war noch nicht fertig mit dem Auspacken meiner wenigen Sachen, da klopfte es an der Zimmertür. Ohne besonders überrascht zu sein, öffnete ich. Ein sympathisch aussehender junger Mann stand da, begrüßte mich freundlich und stellte sich vor: »Ich bin Dieter Lang, der Physiotherapeut hier in der Klinik.« Er habe mich vorher mit meinem kleinen Koffer am Empfang gesehen und sich gedacht, es wäre doch schön für mich, gleich am ersten Tag ein paar Leute kennenzulernen.
Dann fragte er, ob ich Lust hätte, mitzukommen. Er und ein paar andere wollten in den Ort gehen, um zusammen etwas zu trinken.
Ich kann nicht behaupten, dass ich Bedenken gehabt hätte. Ich freute mich einfach, dass ich den ersten Abend in völlig fremder Umgebung nicht allein verbringen würde.
Mit dem Physiotherapeuten und drei oder vier anderen An- gestellten der Klinik ging ich den gleichen Weg zurück, den ich erst vor einer Stunde mit dem Taxi hochgefahren war. Mit dabei war Selma, Arzthelferin wie ich und etwa in meinem Alter, also 18 oder 19 Jahre. Sie war einen Monat vor mir an- gekommen. Wir mochten uns beide auf Anhieb.
Bei Tante Gretl, Wirtin und Namensgeberin eines kleinen Weinlokals in Nähe des Bahnhofs, kehrten wir ein. Als sie an unseren Tisch kam, um jeden einzeln zu begrüßen, spürte ich ihren freundlich-interessierten Blick auf mir. Als ob sie etwas erkunden wollte.
Im Laufe meines Oberstaufen-Jahres war ich öfter bei Tante Gretl und immer fühlte ich mich wohl in ihrem Lokal.
Tante Gretl war eine stattliche, etwa 60-jährige Frau. Ich sah sie ausnahmslos im dunklen Dirndl mit Spitzenbesatz und das vermutlich sehr lange, noch dunkle Haar geflochten und um den Kopf festgesteckt. Das erinnerte mich an meine Großmutter, die ihr langes Haar ähnlich trug.
Das Weinlokal am Bahnübergang war nicht nur für mich wie ein gemütliches Wohnzimmer, das wir oben in der Klinik nicht hatten und manchmal vermissten.
Auf dem Rückweg zur Klinik duzten wir uns alle schon. Wie ich in den nächsten Tagen feststellen konnte, war das Du der Normalfall, wenn man sich mochte; Beruf oder Alter spielten keine Rolle. Von Selma wusste ich inzwischen, dass sie von der Ostsee ins Allgäu gekommen war, ein richtiges Nordlicht also.
Was ich nicht wissen konnte, aber irgendwie ahnte, war die Vorstellung, dass ich zusammen mit ihr Pferde stehlen könnte.
Details
- Titel: Warum ich keine Skifahrerin wurde
- ISBN: 978-3-7455-1199-4
- Erscheinungsjahr: 2025
- Seiten: 128
- Verlag: Athena (Link)
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