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Streifzüge

Ein Teil meiner Streifzüge sind Ausflüge in die eigene Vergangenheit. Sie führen mich zurück an Orte, die in verschiedenen Lebensabschnitten von Bedeutung für mich waren. Ein anderer Teil sind Spaziergänge – in meinem Wohnviertel und anderswo.

Die Yogamatte

Lieber wäre ich zu Hause geblieben, wo es noch einigermaßen kühl war. Stattdessen war ich mit der S-Bahn durch die halbe Stadt gefahren, hatte mich trotz der Hitze in den Feldenkrais-Kurs geschleppt und saß nun, zufrieden mit mir, dass ich mich aufgerafft hatte, wieder in der Bahn zurück nach Hause. Inzwischen war es überall noch heißer geworden. Falls es in der Bahn überhaupt eine Klimaanlage gab, funktionierte sie nicht. Die Menschen um mich herum waren vollkommen still. Ich fühlte Schweiß auf Schläfen und Stirn und atmete dünne, abgestandene Luft ein.
Wohl dem, der jetzt einen Fächer dabeihatte. Ich hatte meinen zu Hause liegen lassen und schaute neidisch auf die Glücklicheren. Um mir die Situation erträglicher zu machen, redete ich mir ein, es sei doch gar nicht so schlimm. Statt wie andere Fahrgäste, die wie ich einen Fensterplatz ergattert hatten, einfach zur Seite zu kippen, blieb ich aufrecht sitzen und tupfte mir nur von Zeit zu Zeit mit einem Papiertaschentuch den Schweiß von Stirn und Schläfen. Meine Sporttasche mit der eingerollten Yogamatte hatte ich neben mir abgelegt.

Ich hielt meine Augen geschlossen und lenkte meine Gedanken in eine Gegend, die Kühle versprach. Kurz verweilte ich in Lappland; dort war es jedoch auch heiß und Mückenschwärme umtosten mich. Nichts wie weg! Ich kam nach Grönland, aber da regnete es gerade; schnell weg auch von dort. Mit letzter Kraft und erhöhter Konzentration schaffte ich es, mich gedanklich nach Westen zu manövrieren, über den Atlantischen Ozean, spürte plötzlich leichten Wind und atmete frische Luft ein. Ich lag auf einer leicht eingebuchteten Eisscholle, die sich Richtung Süden bewegte, vorbei an Neufundland. Unter mir meine rutschfeste Yogamatte, um mich herum kühle, kanadische Luft und schönes, klares Wasser, in das ich Füße und Hände abwechselnd eintauchte und wieder zurückzog, bevor sie richtig kalt wurden. Mein Gott, ist das angenehm, dachte ich. Weit vor mir und meiner Scholle sah ich einen Eisberg treiben, wie wir in Richtung Süden unterwegs. Mit dem durfte ich auf keinen Fall zusammenstoßen. Fotografiert hätte ich ihn schon gern, war aber zu faul, mein Smartphone aus der Sporttasche zu holen.

Als wir irgendwann strandeten, meine Eisscholle und ich, waren wir in Maine angekommen. Das las ich auf einem Schild an einer Bootsanlegestelle. Vorsichtig rutschte ich von meinem kühlen Floß und richtete mich auf, beobachtet von ein paar Leuten, die am Bootshafen herumstanden. Bei ihnen erkundigte mich nach dem kürzesten Weg nach Vermont, wo Urlaubsbekannte wohnten, die ich ja mal allein besuchen könnte. Aber wie sollte ich hinkommen? Ich könnte es per Autostopp versuchen, dachte ich. Es war zwar schon etwas länger her, dass ich getrampt war, genauer gesagt, ein paar Jahrzehnte. Aber trampen verlernt man nicht, das ist wie Rad fahren, redete ich mir selbst ein. Ich stellte mich an der Ortsausfahrt an die Straße und war gespannt. Viel los war hier nicht gerade, das konnte dauern. Aber mit Warten kannte ich mich auch aus.
Dann die Überraschung: Jemand hält an, aber nicht irgendjemand. Kein Krabbenfischer im Pickup, kein Tourist im Mietwagen. Es ist John Irving, einer meiner Lieblingsautoren. Ist das die Möglichkeit! Zufällig wohnt er in Vermont und ist auf dem Weg nach Hause. Er nimmt mich in seinem alten Volvo mit und fragt, warum ich so wenig Gepäck bei mir habe. Ich erzähle ihm, wie ich nach Maine gekommen bin. Die Sache mit der Yogamatte und der Eisscholle gefällt ihm. Hoffentlich klaut er mir die Geschichte nicht, denke ich im Stillen.
Dann reden wir über seine Bücher. Ich erzähle, dass ich fast alle seine Romane gelesen habe, Das Hotel New Hampshire schon drei Mal. Und dass ich ihn in München ein paar Mal bei Lesungen erlebt habe.
Plötzlich drängte sich eine fremde Stimme in unsere Unterhaltung: „Petershausen, Endstation!“ Ich öffnete die Augen und verstand überhaupt nichts. „Petershausen?“, „Endstation“? Was bedeutete das? Und warum war es auf einmal so stickig?
Bis ich wieder richtig wach war und begriff, was los war, fuhr die Bahn zurück Richtung München. Ich blieb wach und stieg in Obermenzing aus. Es war un-er-träg-lich heiß!

Mein verschwundener Acker

In Karlsfeld habe ich mit meiner Familie fast dreißig Jahre Jahre lang gewohnt, von 1976 bis 2004. Im Frühjahr 2026, auf dem Weg zur Rathausstraße, erkenne ich fast nichts wieder. Das alte Rathaus gibt es nicht mehr, das neue ist größer und höher; die Gemeindebücherei versteckt sich nicht mehr im Souterrain des Rathauses sondern residiert, viel präsenter und einladender, in einem Gebäude gegenüber. Nur ein paar Meter entfernt eine gut sortierte Buchhandlung.
Dort, wo ich früher gewohnt habe, ist auch alles anders, erschreckend anders: Den großen Garten und das Zweifamilienhaus gibt es nicht mehr. Alle Bäume sind verschwunden, die Nadelbäume um das Grundstück herum und die Laub- und Obstbäume im Garten. Dafür stehen da jetzt drei Häuser mit Grünflächen in Teppichgröße, eingefasst von einer dichten dicken Hecke, die die Fläche optisch bestimmt noch kleiner macht.
Früher konnten wir dort Federball spielen, heute geht vielleicht noch Tischtennis, wenn jemand seine Gartenstühle auf der Terrasse zusammenschiebt, um Platz dafür zu schaffen.

Und mein „Acker“, meine „Scholle“, in Wirklichkeit nur ein Beet, wo Salat und Gemüse es schwer hatten, bis zur Reife zu kommen, weil ein alter Pflaumenbaum in der Mitte stand und seine Blätter alles beschattete – auch weg.
Das ist irgendwie traurig, auch wenn ich mich nicht nach Karlsfeld zurücksehne.

Ein Ruheort in Schwabing

Nach vielen Jahren wieder die Bayerische Staatsbibliothek zu betreten, ist ein berührendes Erlebnis. Zuletzt war ich hier kurz vor den Coronajahren, um mir eine Ausstellung anzuschauen. Da lag meine Studienzeit schon lange zurück, in der ich oft hierherkam, um Bücher zu bestellen oder abzuholen. Heute hole ich keine Bücher zur Ausleihe ab, sondern bringe ein Exemplar von der „Gärtnerin“ vorbei, das sich jemand vom Literaturportal Bayern anschauen wird.

Einen Bibliotheksausweis besitze ich längst nicht mehr – Der Zugang zu den Lesesälen bleibt mir also versperrt. Aber das „Stabicafé" möchte ich mir anschauen. Ich erinnere mich noch an einen langen schmalen Gang im Erdgeschoss, vorbei an unzähligen Schließfächern rechts und links, bis man zuletzt an einem ungemütlichen, kantinenähnlichen Ort landete, wo man schnell einen Kaffee trank und wieder verschwand.

Und heute? Ein großzügig eingerichtetes Café mit Nischen für Studierende, die in Ruhe am Laptop arbeiten wollen und vielen Plätzen für alle anderen, die hier eine Pause einlegen und eine Zeit lang nicht an Arbeit denken.

Mit Kuchen und Milchcafé sitze ich zwischen Studierenden und Bibliotheksmitarbeitern und fühle mich ein bisschen in meine Studienzeit zurückversetzt. Der freie Blick in den Innenhof steigert mein Wohlbehagen. Bei schönem Wetter kann man sich offenbar raussetzen. - Was für ein Ruheort mitten im umtriebigen Schwabing.

Kindheitswege

Für eine Lesung in Sterkrade bin ich nach Oberhausen gekommen. Nach dem Tod meiner Mutter 2006 war ich nur noch selten in meiner Geburtsstadt und seit Jahrzehnten nicht mehr in Osterfeld, genauer gesagt, in der Bergarbeitersiedlung Stemmersberg, wo ich aufgewachsen bin.
An „unserem“ Haus vorbeizukommen, löste gemischte Gefühle in mir aus. Alles sah anders aus als früher: keine Laube mehr, keine Rosen, auch die Rasenfläche mit zurückgeschnittener Hecke war verschwunden. Stattdessen im hinteren Teil alles zugewuchert, blickdichte hohe Thujen. Das Grundstück optisch viel kleiner als in meiner Kindheit.
Von der Westerwaldstraße bog ich rechts ab und ging die Ziegelstraße hoch Richtung Gutestraße. Wie groß waren hier die Laubbäume geworden, wie angenehm schattig der Weg an einem warmen Spätsommertag. Die Grundstücke rechts und links gepflegt.

Ziegelstraße Richtung Gutestraße


Die Häuser sahen fast fremd aus, ohne die schwarze Rußschicht, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte.

Zuletzt stand ich vor dem „Prunkstück“ der Siedlung, dem ehemaligen „Jugendhaus Stemmersberg“ in der Gutestraße.

Als Kindergarten- und später Hortkind bin dort täglich rein und raus. Seine Besonderheit fiel mir damals nicht auf. Es war genauso rußgeschwärzt wie alle anderen Häuser in der Umgebung.